DIE IDEE

Eine Stimme aus der Vergangenheit wird exakt 80 Jahre später durch die sozialen Netzwerke wieder hörbar. Am 9. März 1941 fing die jüdische Holländerin Etty Hillesum an, Tagebuch zu schreiben und brachte damit die Ereignisse, die um sie herum passierten und ihre persönliche Entwicklung auf Papier. Genau 80 Jahre später, ab dem 9. März 2021 wird die Stimme von damals durch die Sprecherin Eva Becker wieder hörbar. Über ein Jahr hinweg wird an jedem Tag ein Audio publiziert an dem Etty Hillesum 80 Jahre zuvor auch ihren Tagebucheintrag verfasste. Durch die Sozialen Netzwerke (Instagram | Facebook | Telegram) werden die Nutzer*innen über ein neues Audio informiert. 

 

WHY - DER ANLASS

#Nie wieder! Aufkleber, Sprüchebänder, Hashtags mit diesen Worten erinnern an das Nicht- Vergessen des Holocaust vor mehr als 80 Jahren und fordern uns immer wieder auf hinzuschauen, wo Antisemitismus und Rassismus aufkeimt. Dabei sind es nicht nur die großen Taten die verurteilt werden müssen, sondern bereits kleinste Tröpfchen und Funken von Diskriminierungen, die aber das Potential eines Flächenbrandes in sich tragen. Auch der Holocaust fing nicht mit einem Donnerschlag an, sondern schlich sich wie eine allmählich ausbreitende und tödliche Seuche nach und nach in den europäischen Alltag. Wie fragil demokratische Strukturen und wie leicht gesellschaftliche Massen zu verblenden sind, konnten wir in den letzten Jahren über den Globus hinweg bitterlich beobachten. Und auch die Deutschen, die ja schonmal im größten Maße infiziert waren, sind alles andere als immun gegen Hass und Hetze - im großen sowie im kleinen.

 

HOW - DAS PROJEKT

Stellen Sie sich vor, Sie bereiten gerade - vielleicht etwas gestresst - das Frühstück für ihre Kinder vor, sitzen im Auto oder putzen sich die Zähne - Alltagsdinge. Dann bekommen Sie eine Nachricht auf Ihrem Handy oder Laptop und hören eine Stimme, die einen Tagebucheintrag von vor genau 80 Jahren liest. Geschrieben hat ihn Etty Hillesum - eine 27-jährige jüdisch-niederländische Frau in Amsterdam. Vor genau 80 Jahren mitten im Krieg (Amsterdam wurde kurz zuvor von den Nazis belagert), am 9.März 1941 fängt sie an Tagebuch zu schreiben - über sich, ihr Umfeld und ihren Alltag in Amsterdam, der nach und nach durch den Nationalsozialismus zur Schikane wird bis sie schließlich 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wird. Sie wissen also: vor genau 80 Jahren - vielleicht sogar genau in diesem Moment zur gleichen Uhrzeit, saß eine junge Frau in ihrem Zimmer oder in dem "Judendurchgangslager" Westerbork und erzählt wie ihr Alltag aussieht - was sie beschäftigt, welche Gedanken und Sorgen sie sich macht. Was passiert? Wir kennen die Magie von Jahrestagen: In diesem Moment vor x Jahren habe ich meine Abiklausur abgegeben, in diesem Moment vor 22 Jahren ist mein Sohn geboren worden ... in diesem Moment vor x Jahren bin ich in den Zug zu dir gestiegen .... die Vergangenheit trifft auf die Gegenwart. Und so verhält es sich auch mit den Tagebucheinträgen von Etty Hillesum: Auf einmal haben Sie und diese Frau von vor 80 Jahren etwas gemeinsam - den Raum und die Zeit - Vergangenheit und Gegenwart treffen konkret aufeinander. Es ist auf einmal nicht mehr irgendeine Geschichte aus dem Holocaust, sondern die konkrete Geschichte von Etty Hillesum, die stellvertretend für 6 Millionen jüdische Menschen stehen kann, die während der Shoa durch die Nationalsozialisten ums Leben gekommen sind. Durch das Projekt "80 years ago ..." umgeben uns die Stimmen von damals erneut und treten unmittelbar in unseren Alltag - damit kann aktives Erinnern stattfinden, das unmittelbar Auswirkung auf unser gegenwärtiges Handel haben kann. 

 

Darüber hinaus sind die Tagebücher von Etty Hillesum ein zeitloses und universelles Vermächtnis. Der israelische Historiker Gideon Greif schreibt darüber: "Die Shoah ist in den Text eingepflanzt, aber sie ist nicht der Hauptfaktor und die bedeutendste Kraft." Es sind vielmehr folgende Themen und Motive, die sich durch die Aufzeichnungen ziehen: (universelle) Liebe statt Hass, Selbsterkenntnis, Zuwendung zur inneren Kraft, Bedeutung des Leidens, Tod, Selbstlosigkeit und Menschlichkeit, Glaube und zwischenmenschlichen Beziehungen. 

 

Für den Historiker Gideon Greif war das Schreiben von Etty Hillesum zugleich Überlebensmechanismus und eine Form des Widerstands. Er fasst die Tagebücher und ihre Bedeutung wie folgt zusammen:

"Ihr Tagebuch schildert den Sieg des Guten über das Böse, einen Sieg ohne Waffen, basierend auf innerer Stärke und Überzeugung und auf dem Glauben an das Gute, das absolut Gute, das sogar die Nationalsozialisten nicht ausrotten konnten, obwohl sie sich sehr bemüht hatten. Gerade vor dem düsteren Hintergrund der Epoche sind Weltanschauung und Lebensphilosophie von Etty Hillesum ein Lichtblick. Das macht ihre Tagebücher zu einem unvergleichbaren Dokument für jeden - ob jüdisch oder nicht jüdisch, religiös oder säkular, jung oder alt."

 

WHAT - DAS BUCH

1943 wird Etty Hillesum in Auschwitz ermordet. Zuvor hinterlässt sie einer Freundin ihre Tagebücher. 1981 schließlich wurden die Aufzeichnungen in Holland unter dem Namen "Het verstoorde Leven, Dagbaek van Etty Hillesum 1941 - 1943" veröffentlicht. Es war Etty Hillesums Anliegen, dass ihre Erfahrungen und Gedanken in Form ihrer Tagebücher weiterleben und anderen Menschen helfen. 1983 dann erschienen die übersetzten Tagebücher gleichzeitig in Deutschland, Frankreich, Norwegen, Finnland, Dänemark, Schweden, Kanada, Italien, den USA und Großbritannien und zwei Jahre später auch in Israel. In Deutschland unter dem Namen "Das denkende Herz - Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943". 58 Einträge zählt ihr Tagebuch im Jahr 1941 - mal lustig-heiter- leicht, mal tief erschüttert und traurig. Ettys Aufzeichnungen zeugen von der Gewissheit des Untergangs und doch ihrer Absicht weiter zu leben, an Gott und das Gute im Menschen zu glauben. Etty Hillesum ist Psychologie-Studentin und Autorin, sie unterzieht sich einer Körpertherapie und für sie sind die letzten Jahre ihres Lebens gleichzeitig ihre Befreiung. Sie hat Humor, ist selbstkritisch und schreibt ihre Gedanken und Gefühle unverblümt ehrlich in ihr Buch. Im Klappentext der 24. Auflage aus dem Jahr 2013 wird die "Rheinische Post" zitiert: "Je mehr ihr äußerer Lebensraum durch die Schikanen der Judenverfolgung eingeschränkt wird, umso reicher gedeiht ihr geistiges und religiöses Wachstum. Stehen am Beginn der Tagebücher inneres Chaos, Depression, Angst, Zusammenbruch (stets jedoch gepaart mit dem festen Willen, Ordnung zu schaffen), so dominieren am Ende ihres Weges nach innen Lebensbejahung, Annahme ihres Schicksals, Feindesliebe, Solidarität mit den Leidenden, Freude, Sinnfülle, Nächstenliebe, Gläubigkeit und Geborgenheit in Gott". Damit Etty Hillesums Erbe weiterlebt damit so etwas #Nie wieder! passiert: "80 years ago - Etty Hillesum".